Stahlträger einbauen — IPE, HEA, HEB im Vergleich 2026
11 min read
Wenn eine tragende Wand entfernt oder ein Wanddurchbruch hergestellt wird, braucht die Öffnung ein neues Tragglied: einen Stahlträger. Er übernimmt die Lasten der darüberliegenden Decken, Wände und des Daches und leitet sie seitlich in die verbleibenden Auflagerpunkte ab.
In diesem Leitfaden erkläre ich als Bauingenieur, welches Profil für welchen Einsatz geeignet ist, wie der Einbau abläuft und was Sie an Kosten einplanen müssen.
Warum Stahl?
Stahlträger haben gegenüber anderen Sturzlösungen (Stahlbeton-Fertigstürze, Ortbeton) entscheidende Vorteile:
- Sofort belastbar — kein Aushärten wie bei Beton
- Hohe Tragfähigkeit bei geringer Bauhöhe — wichtig bei niedrigen Deckenhöhen
- In engen Verhältnissen einsetzbar — Profile lassen sich einschieben, kein Schalungsbau nötig
- Flexibel anpassbar — Profile gibt es in fein abgestuften Größen
- Nachträglich einbaubar — ideal für den Bestandsbau
Der Nachteil: Stahl muss bei Brandschutzanforderungen (F30, F60) verkleidet werden, da er bei Hitze schnell seine Festigkeit verliert.
Die drei Profiltypen: IPE, HEA, HEB
Was bedeuten die Buchstaben?
Alle drei sind sogenannte Doppel-T-Profile (auch: I-Profile) — sie haben zwei horizontale Flansche (oben und unten) und einen vertikalen Steg dazwischen. Die Form erinnert an ein „I" oder „H".
| Eigenschaft | IPE | HEA | HEB | |------------|-----|-----|-----| | Flanschbreite | Schmal | Breit | Breit | | Steg | Dünn | Dünn | Dick | | Gewicht | Leicht | Mittel | Schwer | | Bauhöhe | Größer | Mittel | Mittel | | Tragfähigkeit | Gut | Gut | Sehr gut | | Typischer Einsatz | Deckenträger, weite Spannweiten | Universell, Stütze + Träger | Hohe Lasten, kurze Spannweiten |
IPE-Profile (I-Profile mit parallelen Flanschen)
Kennzeichen: Schmale Flansche, hoher schlanker Querschnitt.
IPE-Profile sind die effizienteste Lösung für Biegung — sie nutzen das Material optimal aus, weil die Flansche weit auseinander liegen. Je höher das Profil, desto tragfähiger — bei gleichzeitig geringem Gewicht.
Einsatz im Wohnungsbau:
- Durchbrüche mit moderaten Lasten
- Situationen, in denen die Einbauhöhe kein Problem ist
- Deckenträger bei Neubauten oder Dachausbauten
Typische Größen:
| Profil | Höhe (mm) | Flanschbreite (mm) | Gewicht (kg/m) | Tragfähigkeit* | |--------|----------|-------------------|---------------|---------------| | IPE 120 | 120 | 64 | 10,4 | Gering | | IPE 160 | 160 | 82 | 15,8 | Moderat | | IPE 200 | 200 | 100 | 22,4 | Gut | | IPE 240 | 240 | 120 | 30,7 | Hoch | | IPE 300 | 300 | 150 | 42,2 | Sehr hoch |
*Vereinfachte Einordnung — die tatsächliche Tragfähigkeit hängt von Spannweite, Lastfall und Stahlgüte ab.
HEA-Profile (breiter Flansch, dünner Steg)
Kennzeichen: Breite Flansche, Flanschbreite ≈ Profilhöhe (fast quadratischer Querschnitt).
HEA-Profile sind der Allrounder: Sie eignen sich als Träger und als Stütze. Die breiten Flansche geben seitliche Stabilität und bessere Lastverteilung auf dem Auflager.
Einsatz im Wohnungsbau:
- Wanddurchbrüche mit hohen Lasten
- Wenn die Einbauhöhe begrenzt ist (niedrige Decken)
- Als Stütze unter Trägern (seltener im Wohnungsbau)
Typische Größen:
| Profil | Höhe (mm) | Flanschbreite (mm) | Gewicht (kg/m) | Tragfähigkeit* | |--------|----------|-------------------|---------------|---------------| | HEA 100 | 96 | 100 | 16,7 | Moderat | | HEA 140 | 133 | 140 | 24,7 | Gut | | HEA 200 | 190 | 200 | 42,3 | Hoch | | HEA 240 | 230 | 240 | 60,3 | Sehr hoch |
HEB-Profile (breiter Flansch, dicker Steg)
Kennzeichen: Wie HEA, aber mit dickeren Flanschen und Steg. Deutlich schwerer, aber auch deutlich tragfähiger.
HEB-Profile sind die Schwergewichte — sie kommen zum Einsatz, wenn hohe Lasten auf kurzen Spannweiten übertragen werden müssen. Im Wohnungsbau sind sie typisch für Wandentfernungen im Mehrfamilienhaus oder bei tragenden Wänden mit mehreren Geschossen darüber.
Einsatz im Wohnungsbau:
- Entfernung tragender Wände mit hohen Auflasten
- Durchbrüche im Erdgeschoss von Mehrfamilienhäusern
- Wenn das Auflagermauerwerk begrenzt ist (kürzere Auflagertiefen möglich)
Typische Größen:
| Profil | Höhe (mm) | Flanschbreite (mm) | Gewicht (kg/m) | Tragfähigkeit* | |--------|----------|-------------------|---------------|---------------| | HEB 100 | 100 | 100 | 20,4 | Gut | | HEB 140 | 140 | 140 | 33,7 | Hoch | | HEB 200 | 200 | 200 | 61,3 | Sehr hoch | | HEB 240 | 240 | 240 | 83,2 | Extrem hoch |
Welches Profil für meinen Durchbruch?
Die Profilwahl ist keine Frage des Geschmacks — sie wird durch den Tragwerksplaner rechnerisch bestimmt. Die Berechnung berücksichtigt: Spannweite, Auflasten, Durchbiegungsbegrenzung, Stahlgüte und verfügbare Einbauhöhe. Vertrauen Sie der statischen Berechnung, nicht der Empfehlung aus dem Baumarkt.
Einzelträger oder Doppelträger?
Bei dickeren Wänden (ab 24 cm) passt ein einzelner Stahlträger nicht in die volle Wandstärke. Die Lösung: zwei parallele Profile nebeneinander.
| Wandstärke | Lösung | Beispiel | |-----------|--------|---------| | 11,5 cm | Einzelträger (IPE) | IPE 200 (Flanschbreite 100 mm) | | 17,5 cm | Einzelträger (HEA/HEB) oder Doppel-IPE | HEA 160 oder 2× IPE 160 | | 24 cm | Doppelträger | 2× HEB 100 oder 2× HEA 120 | | 30 cm | Doppelträger oder Kastenträger | 2× HEB 140 | | 36,5 cm | Doppelträger mit Futterplatten | 2× HEB 160 + Futterblech |
Die beiden Profile werden mit Schrauben oder Schweißnähten verbunden und wirken als gemeinsamer Träger. Der Tragwerksplaner bemisst sie als Einheit.
Ablauf: Stahlträger einbauen (Schritt für Schritt)
Schritt 1: Statik und Profil festlegen
Der Tragwerksplaner berechnet:
- Welches Profil (IPE/HEA/HEB und Größe)
- Einzeln oder doppelt
- Erforderliche Auflagerlänge (typisch: 15–25 cm je Seite)
- Stahlgüte (S235 oder S355)
- Auflagerdetail (Stahlplatte, Mörtelausgleich, Neoprenlager)
Schritt 2: Träger bestellen
Stahlträger bestellen Sie beim Stahlhandel — nicht im Baumarkt. Geben Sie die exakte Länge vor (Lichte Weite + 2× Auflagerlänge). Der Stahlhandel schneidet auf Maß. Lieferzeit: 1–5 Werktage.
Stahlhandel vs. Handwerksbetrieb
Wenn Sie den Träger selbst beim Stahlhandel bestellen, sparen Sie 20–40 % gegenüber dem Preis, den der Handwerksbetrieb berechnet. Fragen Sie Ihren Statiker nach dem exakten Profil und der Länge.
Schritt 3: Decke abstützen
Vor dem Einbau muss die Decke temporär gesichert werden — mit Stahlrohrstützen und Verteilbohlen. Die Abstützung muss mindestens 50 cm beidseitig über die geplante Öffnung hinausreichen.
Schritt 4: Wandschlitze herstellen
Mit Diamantscheibe oder Stemmhammer werden Schlitze in die Wand geschnitten — auf beiden Seiten der geplanten Öffnung. Die Schlitztiefe entspricht der Auflagerlänge aus der Statik. Die Schlitzhöhe ist die Trägerhöhe plus 1–2 cm für Mörtelausgleich.
Schritt 5: Auflager vorbereiten
Das Auflager — die Stelle, an der der Träger auf dem Mauerwerk sitzt — muss eben und tragfähig sein:
- Losen Mörtel und Staubschicht entfernen
- Ausgleichsmörtel auftragen (hochfester Mörtel, Druckfestigkeitsklasse ≥ M10)
- Ggf. Stahlplatte unterlegen (verteilt die Last auf eine größere Fläche)
Schritt 6: Träger einschieben
Der Träger wird von einer Seite in den Schlitz eingeschoben und auf der anderen Seite in sein Auflager geführt. Bei schweren Profilen (HEB 200 = 61 kg/m → ein 3-Meter-Träger wiegt ca. 184 kg) ist ein Kettenzug, Hydraulikheber oder Kran erforderlich.
Wichtig:
- Mindestens zwei Personen, bei schweren Trägern drei oder mehr
- Träger muss waagerecht und mittig sitzen
- Auf korrekte Auflagerlänge prüfen — beidseitig!
Schritt 7: Unterstopfen und Fixieren
Zwischen Träger-Oberkante und darüberliegendem Mauerwerk/Decke bleibt ein Spalt. Dieser wird mit Quellmörtel (Expansionsmörtel) ausgefüllt — normaler Mörtel schwindet und bildet einen Spalt, durch den keine Lasten übertragen werden.
Bei Doppelträgern: Profile mit Schrauben verbinden (nach Statik-Plan, typisch M16 oder M20 im Abstand von 50–80 cm).
Schritt 8: Mauerwerk abbrechen
Erst wenn der Mörtel abgebunden hat (mindestens 24 Stunden, besser 48), darf das Mauerwerk unterhalb des Trägers entfernt werden.
Schritt 9: Verkleidung und Oberfläche
Je nach Anforderung:
- Putz direkt auf Träger — funktioniert nur mit Putzträger (Streckmetall)
- Trockenbauverkleidung — GK-Platten um den Träger
- Sichtbar lassen — möglich wenn Brandschutz es erlaubt, industrieller Look
- Brandschutzverkleidung — Brandschutzplatten oder -putz bei F30/F60-Anforderung
Kosten: Stahlträger einbauen
Materialkosten (nur Träger)
| Profil | Preis pro Meter (ca.) | 2-m-Träger | 3-m-Träger | 4-m-Träger | |--------|---------------------|-----------|-----------|-----------| | IPE 160 | 18–25 € | 36–50 € | 54–75 € | 72–100 € | | IPE 200 | 25–35 € | 50–70 € | 75–105 € | 100–140 € | | IPE 300 | 50–65 € | 100–130 € | 150–195 € | 200–260 € | | HEA 140 | 28–38 € | 56–76 € | 84–114 € | 112–152 € | | HEA 200 | 48–62 € | 96–124 € | 144–186 € | 192–248 € | | HEB 140 | 38–50 € | 76–100 € | 114–150 € | 152–200 € | | HEB 200 | 70–90 € | 140–180 € | 210–270 € | 280–360 € |
Gesamtkosten (Material + Einbau)
| Situation | Gesamtkosten (ca.) | |----------|-------------------| | Kleiner Türsturz (IPE 160, 1,2 m) | 1.200–2.500 € | | Normaler Durchbruch (HEA 160, 2 m) | 1.800–3.800 € | | Großer Durchbruch (HEB 200, 3 m) | 3.000–6.000 € | | Wandentfernung (2× HEB 200, 4 m) | 5.000–10.000 € |
Die Kosten beinhalten: Träger, Einbau, Deckensicherung, Abbruch, Putz/Oberfläche. Nicht enthalten: Statiker und Genehmigung.
Brandschutz
Stahl verliert bei ca. 500 °C seine Tragfähigkeit — nach 15–20 Minuten im Vollbrand ist ein ungeschützter Träger kritisch belastet. Deshalb gelten Brandschutzanforderungen:
| Gebäudeklasse | Anforderung | Maßnahme | |--------------|------------|---------| | GKL 1–2 (EFH, ZFH) | Meist keine | Träger kann sichtbar bleiben | | GKL 3 (MFH bis 7 m) | F30 | Verkleidung mit 2× 12,5 mm GKF-Platten | | GKL 4–5 (MFH ab 7 m) | F60 bis F90 | Brandschutzplatten oder Brandschutzputz |
Brandschutz nicht vergessen
Viele Heimwerker und auch manche Handwerker „vergessen" den Brandschutz. Bei einer Begehung durch das Bauamt oder bei einem Versicherungsfall kann ein unverkleideter Träger in einem F30-Gebäude zum Problem werden.
Typische Fehler beim Trägereinbau
Fehler 1: Auflager zu kurz
Das Auflager ist die Stelle, wo der Träger auf dem Mauerwerk sitzt. Zu kurze Auflager führen zu überhöhter Druckspannung im Mauerwerk — Folge: Risse neben der Öffnung. Mindestens 15 cm, besser 20–25 cm je Seite.
Fehler 2: Nicht unterstopft
Wenn der Spalt zwischen Träger und Decke/Mauerwerk nicht vollständig mit Quellmörtel verfüllt ist, überträgt der Träger keine Lasten. Die Decke ruht weiter auf der temporären Abstützung — und wenn die entfernt wird, senkt sie sich ab.
Fehler 3: Falsches Profil
„Ein HEB 100 reicht schon" — diese Aussage ohne statische Berechnung ist gefährlich. Die Profilwahl muss rechnerisch nachgewiesen sein. Ein zu schwaches Profil biegt sich durch und kann versagen.
Fehler 4: Abstützung zu früh entfernt
Der Mörtel im Auflager braucht mindestens 24 Stunden zum Abbinden, bei Quellmörtel oft 48 Stunden. Wer die Stützen vorher entfernt, riskiert, dass der Träger in den noch weichen Mörtel rutscht.
Fehler 5: Träger nicht waagerecht
Ein schief sitzender Träger erzeugt ungleichmäßige Auflagerlasten und kann seitlich ausweichen (Kippversagen). Wasserwaage bei der Montage ist Pflicht — in beiden Achsen.
Häufige Fragen
Kann ich den Stahlträger selbst einbauen? Vom Baurecht her: nein, wenn es sich um ein tragendes Bauteil handelt. Der Einbau muss durch eine qualifizierte Fachfirma erfolgen, die Erfahrung mit Stahlbauarbeiten hat. Die Abnahme durch den Statiker ist dringend empfohlen.
Wie schwer ist ein typischer Stahlträger? Ein HEB 200 wiegt 61,3 kg pro Meter — ein 3-Meter-Träger also rund 184 kg. Zum Vergleich: Ein IPE 200 wiegt nur 22,4 kg pro Meter (67 kg bei 3 m). Das Handling unterscheidet sich erheblich.
Kann ich statt Stahl auch einen Betonsturz nehmen? Ja, bei kleinen Öffnungen (bis ca. 2 m) kommen auch Stahlbeton-Fertigstürze in Frage. Vorteil: Kein Brandschutzproblem. Nachteil: Höhere Einbauhöhe, schwerer, muss aushärten, nicht so flexibel anpassbar.
Rostet der Träger in der Wand? In einer trockenen Innenwand ist Korrosion kein Thema. Bei Außenwänden oder feuchten Kellern sollte der Träger mit Korrosionsschutz (Grundierung + Decklack oder Feuerverzinkung) versehen werden.
Wie lange hält ein Stahlträger? Bei normaler Nutzung und trockener Umgebung: praktisch unbegrenzt. Stahl altert nicht wie Holz oder Beton. Der Träger ist so alt wie das Gebäude — oder älter.
Kann der Träger sichtbar bleiben? Ästhetisch: absolut — ein sichtbarer Stahlträger ist ein beliebtes Designelement im Industrial- und Loft-Stil. Technisch: nur wenn der Brandschutz es zulässt (GKL 1–2 in der Regel ja). Behandlung: Grundieren und Lackieren (RAL 7016 Anthrazitgrau ist der Klassiker) oder im Rohzustand mit Klarlack versiegeln.
Dieser Artikel wurde von einem qualifizierten Bauingenieur mit Schwerpunkt Tragwerksplanung verfasst. Alle Angaben nach bestem Wissen und Gewissen — für eine verbindliche Beurteilung Ihres konkreten Bauvorhabens wenden Sie sich bitte an einen Tragwerksplaner vor Ort.