Grundlagenwissen

Türsturz — Der komplette Leitfaden 2026

10 min readAktualisiert: Mai 2026Von: Dipl.-Ing. Thomas Mayer

Wer eine Tür in eine Mauerwerkswand einbauen oder eine bestehende Türöffnung vergrößern möchte, kommt um den Türsturz nicht herum. Das Bauteil ist klein, seine Funktion aber unverzichtbar: Ohne Sturz würde das Mauerwerk über der Öffnung einstürzen.

In diesem Leitfaden erkläre ich als Bauingenieur alles, was Sie über Türstürze wissen müssen — von der Funktion über die Typen und Maße bis zur statischen Berechnung und zum nachträglichen Einbau.

Was ist ein Türsturz?

Ein Türsturz ist ein horizontaler Tragbalken, der über einer Türöffnung in einer Mauerwerkswand eingebaut wird. Er übernimmt die Lastabtragung der darüberliegenden Wand- und Deckenteile und leitet diese seitlich in das angrenzende Mauerwerk ab.

Im Unterschied zum Fenstersturz reicht die Türöffnung bis auf den Fußboden — es gibt keine tragende Brüstung darunter. Das ändert an der konstruktiven Funktion des Sturzes nichts, beeinflusst aber die Einbauhöhe und die lichte Öffnungsmaße.

Türsturz vs. Fenstersturz

Konstruktiv sind Tür- und Fenstersturz identisch: Beide sind Biegeträger über einer Wandöffnung. Der Unterschied liegt in der Geometrie der Öffnung — bei der Tür fehlt die Brüstung. Die statische Berechnung läuft nach demselben Verfahren.

Wie funktioniert ein Türsturz? Das Lastdreieck

Die Lastabtragung beim Türsturz folgt dem gleichen Prinzip wie beim Fenstersturz — dem sogenannten Lastdreieck-Modell nach DIN EN 1996 (Eurocode 6):

  • Über dem Sturz bildet sich ein dreieckförmiger Lastbereich
  • Die Dreiecksschenkel verlaufen unter 60° zur Horizontalen
  • Alle Lasten innerhalb dieses Dreiecks wirken auf den Sturz
  • Lasten außerhalb des Dreiecks werden direkt ins Mauerwerk abgetragen — am Sturz vorbei

Der Sturz muss als Einfeldträger das Biegemoment M = q × l² / 8 und die Querkraft V = q × l / 2 aufnehmen. Je breiter die Türöffnung und je größer die Last, desto größer müssen Querschnitt und Trägheitsmoment des Sturzes sein.

Typen von Türstürzen

Fertigteilsturz (Stahlbeton, vorgefertigt)

Der heute am häufigsten verwendete Typ im Wohnungsbau. Werkseitig hergestellte Stahlbetonbalken werden direkt vom Lkw auf die Baustelle geliefert und eingebaut.

  • Vorteile: Sofort belastbar (kein Warten), gleichmäßige, geprüfte Qualität, schneller Einbau, breites Sortiment an Standardmaßen
  • Nachteile: Nur Standardmaße verfügbar, schweres Gewicht (Hebezeug bei langen Stürzen), Wärmebrücke ohne Dämmschale
  • Einsatz: Standardfall im Neubau und bei Sanierungen mit üblichen Türbreiten
  • Typische Maße: b = 11,5 / 17,5 / 24 cm, h = 11,5 bis 24 cm, l = 50 cm bis 3,00 m

Flachsturz

Ein flacher, nur 7,1 cm hoher Stahlbetonfertigteil, der in die Lagerfuge eingemauert wird. Er funktioniert im Verbund mit dem darüber gesetzten Mauerwerk — das Mauerwerk trägt mit.

  • Vorteile: Geringe Einbauhöhe, verliert sich optisch im Mauerwerksverband
  • Nachteile: Max. Stützweite ca. 2,50 m, Mauerwerk über Sturz muss korrekt ausgeführt sein, nicht geeignet bei hohen Lasten
  • Einsatz: Standardtüren im Einfamilienhausbau bis ca. 2,50 m Breite

Stahlbetonsturz (Ortbeton)

Vor Ort in eine Schalung betonierter Sturz. Erlaubt beliebige Querschnittsmaße und hohe Tragfähigkeiten.

  • Vorteile: Individuell anpassbar, hohe Tragfähigkeit, günstig bei Eigenleistung des Betonierens
  • Nachteile: Schalung und Bewehrung erforderlich, mind. 28 Tage Aushärtezeit, Wärmebrücke, aufwändigere Planung
  • Einsatz: Große Öffnungsbreiten, hohe Lasten, Sondergeometrien

Stahlträger (HEB / HEA / IPE)

Warmgewalzte Stahlprofile als Türsturz — die bevorzugte Lösung bei großen Öffnungsbreiten, im Bestandsbau und wenn es auf schlanke Querschnitte ankommt.

  • Vorteile: Sehr hohe Tragfähigkeit bei kleiner Bauhöhe, sofort belastbar, ideal für nachträgliche Durchbrüche
  • Nachteile: Teurer als Beton, Korrosionsschutz erforderlich, Wärmebrücke, Brandschutznachweis bei F30/F60
  • Einsatz: Öffnungen > 2,50 m, nachträgliche Wanddurchbrüche in tragenden Wänden, Keller- und Garagendurchfahrten

Wärmebrücke vermeiden

Stahlbeton- und Stahlstürze in Außenwänden sind potenzielle Wärmebrücken. Es gibt Systemlösungen mit integrierter Dämmschale (z.B. Isokorb-Prinzip), die den Wärmeverlust deutlich reduzieren und Kondensatprobleme vermeiden.

Ziegelsturz

Stürze aus speziellen bewehrten Sturzsteinen, die optisch und thermisch dem angrenzenden Mauerwerk entsprechen.

  • Vorteile: Homogener Wandaufbau, gute Dämmwirkung, kein Putzproblem, gleicher Untergrund wie Mauerwerk
  • Nachteile: Begrenzte Tragfähigkeit, herstellerabhängige Maximalspannweiten, höherer Einbauaufwand
  • Einsatz: Wärmedämmende Außenwände aus Porenbetonstein oder Planziegelstein

Türsturz Maße — Standardmaße und Tabelle

Die Abmessungen eines Türsturzes hängen von drei Faktoren ab: Wandstärke, Öffnungsbreite und Last aus darüberliegenden Bauteilen.

Standardmaße Fertigteilstürze für Türen

| Wandstärke | Sturzhöhe | Max. lichte Weite | Typischer Einsatz | |-----------|-----------|------------------|-------------------| | 11,5 cm | 11,5 cm | 1,25 m | Innentür, nicht tragend | | 11,5 cm | 17,5 cm | 1,75 m | Innentür, nicht tragend | | 17,5 cm | 11,5 cm | 1,50 m | Innenwand, tragend | | 17,5 cm | 17,5 cm | 2,25 m | Innenwand, tragend | | 24 cm | 11,5 cm | 1,25 m | Außenwand, geringe Last | | 24 cm | 17,5 cm | 2,25 m | Außenwand, Standardtür | | 24 cm | 24 cm | 3,00 m | Außenwand, hohe Lasten | | 30 cm | 17,5 cm | 2,25 m | Dicke Außenwand | | 36,5 cm | 17,5 cm | 2,00 m | Wärmedämmende Außenwand |

Hinweis: Die Werte gelten für max. 2 Geschosse über dem Sturz ohne Deckenlast im Lastdreieck. Bei abweichenden Bedingungen ist eine individuelle Berechnung erforderlich.

Mindestauflagertiefe

Die Auflagertiefe beschreibt, wie weit der Sturz beidseitig auf dem Mauerwerk aufliegt. Nach DIN EN 1996 gilt:

  • Mindestauflagertiefe: 11,5 cm (für bewehrte Fertigteilstürze)
  • Empfohlene Auflagertiefe: 20–25 cm (optimale Lastverteilung)
  • Bei Stahlträgern: mindestens 15 cm, besser 20 cm

Häufiger Fehler beim Einbau

Eine zu geringe Auflagertiefe ist eine der häufigsten Ursachen für Rissbildung im Mauerwerk neben Türöffnungen. Prüfen Sie vor dem Einbau, ob auf beiden Seiten mindestens 11,5 cm Auflagerbreite vorhanden sind.

Sturzhöhe bei Standardtüren

Für normale Türen (lichte Höhe 2,01 m) gilt als Faustformel für die Einbaumaße:

  • Rohbauöffnung Höhe = lichte Türhöhe + Sturzhöhe + Bodenaufbau + Zarge-Toleranz
  • Typisch: 2,01 m + 0,175 m + 0,10 m + 0,01 m = ca. 2,30 m Rohbauöffnung

Türsturz einbauen — Schritt für Schritt

Neubau: Einbau im laufenden Mauerwerk

Im Neubau wird der Sturz beim Aufmauern der Wand gesetzt. Der Ablauf:

  1. Markierung: Türöffnung nach Plan anreißen, Auflagerbreite beidseitig markieren (min. 11,5 cm, besser 20 cm)
  2. Mauerwerk bis Stürzunterkante aufmauern: Wände auf beiden Seiten gleichmäßig hoch führen
  3. Lehrgerüst (bei schweren Stürzen): Temporäre Abstützung vorbereiten
  4. Sturz einlegen: Fertigteil oder Schalung setzen, auf Wasserwaage prüfen
  5. Mauerwerk fortführen: Mindestens 4 Scharen (ca. 30 cm) über dem Sturz mauern, bevor weitere Lasten aufgebracht werden
  6. Flachsturz: Zusätzlich 2 Lagen bewehrtes Mauerwerk über dem Sturz ausführen

Nachträglicher Einbau: Türöffnung in bestehende Wand

Der nachträgliche Einbau ist deutlich aufwändiger als der Neubau-Einbau und erfordert besondere Sorgfalt.

Statik zuerst

Bevor Sie in einer bestehenden Wand eine Türöffnung anlegen, muss geprüft werden, ob die Wand tragend ist. Bei einer tragenden Wand ist ein Standsicherheitsnachweis durch einen Tragwerksplaner Pflicht. Führen Sie niemals Abbrucharbeiten durch, bevor die Abfangung gesichert ist.

Ablauf nachträglicher Einbau:

  1. Statiker beauftragen: Beurteilung tragend/nicht tragend, Sturzplanung, Standsicherheitsnachweis
  2. Genehmigung einholen: Bei tragenden Wänden ist je nach Bundesland eine Genehmigung oder zumindest eine Zustimmung der Baubehörde erforderlich
  3. Abstützung der Decke: Vor dem Aufschneiden der Wand muss die darüberliegende Decke mit Stahlrohrstützen und Verteilbohlen abgestützt werden — beidseitig der geplanten Öffnung
  4. Schlitz für den Sturzeinbau schneiden: Mit Winkelschleifer oder Mauernutfräse seitlich in der Wand einen Schlitz für den Sturz herstellen (Tiefe = Auflagertiefe)
  5. Sturz einbauen: Sturz in den vorbereiteten Schlitz einschieben, unterstopfen, auf Höhe und Lage prüfen
  6. Öffnung ausbrechen: Erst nach Sichern des Sturzes Mauerwerk darunter abbrechen
  7. Abstützung entfernen: Erst wenn Sturz sitzt, Mörtel abgebunden hat und neue Lastpfade gesichert sind
  8. Oberflächen herrichten: Putz, Laibung, Zarge

Zeitaufwand: Für einen geübten Maurer-Trupp dauert der nachträgliche Einbau einer einfachen Türöffnung in einer nicht tragenden Wand 1–2 Tage. Bei einer tragenden Wand mit Stahlträger sind 2–4 Tage realistisch.

Statische Berechnung: Wann ist eine Statik Pflicht?

Eine statische Berechnung ist erforderlich, wenn:

  • Die Türöffnung in einer tragenden Wand liegt
  • Die Öffnung die Herstellertabellen des Fertigteilsturzes überschreitet
  • Sich Deckenlasten im Lastdreieck befinden
  • Das Mauerwerk mehr als ein Geschoss über dem Sturz aufgeht
  • Ein nachträglicher Einbau in einem Altbau erfolgt
  • Die Öffnung breiter als 1,50 m in einer tragenden Wand ist

Keine individuelle Statik nötig ist typischerweise bei:

  • Nicht tragenden Trennwänden (jegliche Breite)
  • Einbau gemäß Herstellertabelle des Fertigteilsturzes (nicht tragende Wände)

Die statische Berechnung im Überblick

Die Berechnung durch den Tragwerksplaner umfasst:

  1. Lastermittlung: Eigengewicht Sturz + Mauerwerk im Lastdreieck + Deckenlasten + Nutzlasten + ggf. Schnee-/Windlasten
  2. Lastkombination nach Eurocode 0: γ_G × G_k + γ_Q × Q_k (GZT: 1,35/1,5)
  3. Schnittgrößen: Biegemoment M_Ed und Querkraft V_Ed am Einfeldträger
  4. Bemessung: Je nach Sturztyp nach EC2 (Beton), EC3 (Stahl) oder Herstellertabelle
  5. Nachweis GZG: Durchbiegung w ≤ l/250

Faustregel Sturzhöhe

Als grobe Faustregel gilt: Die Sturzhöhe in cm entspricht etwa der halben lichten Öffnungsweite in cm. Eine Türöffnung mit 1,00 m lichter Weite braucht also einen Sturz mit mindestens 12–15 cm Höhe. Diese Faustregel ersetzt keine Berechnung, gibt aber eine erste Orientierung.

Kosten Türsturz

Materialkosten

| Sturztyp | Kosten (ca.) | |---------|-------------| | Fertigteilsturz (Standard, bis 2,50 m) | 30–120 € pro Stück | | Flachsturz | 25–70 € pro Stück | | Ziegelsturz | 40–120 € pro lfm | | Stahlträger HEB 120–160 | 60–180 € pro lfm | | Ortbeton (Schalung + Material) | 50–100 € pro lfm |

Einbau- und Gesamtkosten

| Leistung | Kosten (ca.) | |---------|-------------| | Sturz einbauen im Neubau | 150–400 € | | Nachträglicher Einbau, nicht tragende Wand | 300–800 € | | Nachträglicher Einbau, tragende Wand (inkl. Abstützung) | 1.000–2.500 € | | Statische Berechnung für Türsturz | 300–600 € | | Wanddurchbruch komplett (Statik + Einbau + Putz) | 1.500–4.000 € |

Die Kosten für den Statiker machen dabei in der Regel nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten aus — sind aber die Grundlage für alles andere.

Häufige Fragen zum Türsturz

Kann ich einen Türsturz selbst einbauen? Im Neubau bei nicht tragenden Wänden: grundsätzlich möglich, wenn Sie handwerklich erfahren sind und die Herstellerangaben einhalten. Bei tragenden Wänden und bei nachträglichem Einbau im Bestand: nur mit statischer Berechnung und Fachunternehmen. Die Abstützung der Decke ist ein sicherheitskritischer Schritt, der nicht unterschätzt werden darf.

Wie breit darf eine Türöffnung ohne Statik sein? In nicht tragenden Wänden gibt es keine statisch begründete Breitenbegrenzung, solange der Sturz nach Herstellertabelle dimensioniert wird. In tragenden Wänden ist ab der ersten Öffnung eine statische Berechnung empfehlenswert, spätestens ab 1,00 m Breite zwingend.

Was ist der Unterschied zwischen Türsturz und Ringanker? Der Ringanker (Ringbalken) ist ein umlaufender Stahlbetonbalken, der das gesamte Gebäude horizontal aussteift. Er liegt typischerweise auf Höhe der Deckenauflager. Ein Türsturz ist lokal auf die Türöffnung beschränkt. In manchen Geschossdecken-Details übernimmt der Ringanker gleichzeitig die Sturzfunktion.

Muss ein Türsturz im Dachgeschoss anders dimensioniert werden? Ja. Im Dachgeschoss wirken oft Dachlasten direkt auf den Sturz — also Schnee- und Windlasten sowie das Eigengewicht der Dachkonstruktion. Diese müssen in der Lastermittlung berücksichtigt werden. Fertigteil-Tabellenwerte gelten oft nur für Zwischengeschosse.

Wie erkenne ich, ob mein vorhandener Türsturz zu schwach ist? Typische Zeichen sind: Risse im Mauerwerk schräg von den Ecken der Türöffnung weg (Zugrissmuster), Durchbiegung des Sturzes sichtbar, klemmende Türen durch Verformung der Öffnung. Bei solchen Zeichen sofort einen Bauingenieur hinzuziehen.

Kann ein Türsturz nachträglich verstärkt werden? Ja. Möglichkeiten sind: Aufkleben von CFK-Lamellen (Carbonverstärkung), Unterzug aus Stahl unter dem Sturz, Einbau eines neuen Sturzes (erfordert Abbruch und Neuaufbau). Die Wahl hängt vom Defizit und den Platzverhältnissen ab — immer Tragwerksplaner einschalten.

Zusammenfassung

  • Ein Türsturz ist ein unverzichtbarer Tragbalken über jeder Türöffnung in Mauerwerk
  • Die häufigsten Typen sind Fertigteil (schnell, günstig), Stahlträger (große Spannweiten) und Flachsturz (schlanke Einbauhöhe)
  • Die Mindestauflagertiefe beträgt 11,5 cm, empfohlen werden 20–25 cm
  • Bei tragenden Wänden ist immer ein Standsicherheitsnachweis durch einen Tragwerksplaner erforderlich
  • Nachträglicher Einbau erfordert Deckensicherung vor dem Aufschneiden der Wand
  • Kosten für den kompletten Wanddurchbruch mit Türsturz: 1.500–4.000 €

Dieser Artikel wurde von einem qualifizierten Bauingenieur mit Schwerpunkt Tragwerksplanung verfasst. Alle Angaben nach bestem Wissen und Gewissen — für eine verbindliche Beurteilung Ihres konkreten Bauvorhabens wenden Sie sich bitte an einen Tragwerksplaner vor Ort.